Die Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation

Vergleichende Betrachtung von Logotherapie und Managementlehre

Ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis für Wirtschaftsethik, Kommunikation und Beziehungs-
kompetenz der Plansecur Stiftung 2001

Einführung

Phänomen "innere Kündigung"

Ein in jüngster Zeit häufig diskutiertes Phänomen ist die innere Kündigung von Mitarbeitern in ihren Organisationen. Innere Kündigung "bezeichnet einen persönlichen Zustand, der durch ein innerliches Abrücken von der Arbeitsumgebung und eine Verweigerung der Eigeninitiative gekennzeichnet ist" (Krenz-Maes 1998, S. 48).

Ein Erklärungsansatz für innere Kündigung ist Arbeitsunzufriedenheit, denn die "für die Arbeitszufriedenheit relevanten Bereiche Einkommen, eigene Entwicklung, Führungsstil der Vorgesetzten, Unternehmenskultur und eigenes Tätigkeitsspektrum gehen [...] negativ mit innerer Kündigung einher" (Krenz-Maes 1998, S. 49).
Dies hat die Psychologin Krenz-Maes in einer Studie herausgefunden (vgl. a.a.O.). "Die Folgen für ein Unternehmen können beispielsweise eine verringerte Innovationsbereitschaft sein, oder aber eine Erhöhung der Bearbeitungszeiten, eine Verschlechterung der Qualität, eine geringe Beteiligung am Vorschlagswesen, eine Überschreitung der Pausenzeiten, ein Anstieg von Arbeitsunfällen, eine geringe Kundenorientierung sowie eine geringe Bereitschaft, Überstunden zu leisten" (Krenz-Maes 1998, S. 49).

Diese Aufzählung macht die Notwendigkeit deutlich, einer solchen Entwicklung entgegenzutreten.Innere Kündigung als Entfremdung von der Arbeit deutet letztlich auf eine "sinnlose Arbeit" (vgl. Böckmann 1999, S. 78) hin.

Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation

Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit der Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation.
Die hier diskutierten Konzepte werden daraufhin untersucht, ob sie durch ihre Beschäftigung mit dem Faktor `Sinn' Lösungsansätze anbieten können, wie dem Phänomen `innere Kündigung' und seinen Konsequenzen für die betriebliche Praxis begegnet werden kann.

Es handelt sich dabei um eine interdisziplinäre Arbeit, die zwischen Psychologie und Organisationslehre angesiedelt ist. Aus dem ersten Wissenschaftszweig stammt die Logotherapie, die eine sinnzentrierte Psychotherapierichtung ist.

Zum Vergleich mit ihr wurde eine bestimmte Managementlehre ausgewählt: der St. Galler Ansatz. Da sich die Themenstellung an der Betrachtung von Individuum und Organisation orientiert, erschien der St. Galler Ansatz am besten geeignet, weil in St. Gallen ein (explizit auf den Faktor Sinn konzentriertes) Organisationsverständnis entwickelt wurde. Es gibt zwar noch weitere Konzepte aus der Organisationslehre, die sich mit der Sinnproblematik in Organisationen beschäftigt haben, im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht aber eher ein Unternehmenskulturmodell und nicht die Entwicklung eines Organisationsverständnisses. Außerdem beziehen sich viele Veröffentlichungen aus St. Gallen auf die Logotherapie.

Aus diesen Gründen erscheint die Vergleichbarkeit des St. Galler Konzeptes mit der Logotherapie höher als bei den anderen Sinn-Konzepten. Im Laufe der Arbeit sollen die verschiedenen Verknüpfungspunkte zwischen beiden Konzepten herausgearbeitet werden.

Die Logotherapie geht vom Individuum aus und wurde als Führungskonzept in die Arbeitswelt übertragen. Der St. Galler Ansatz ist ein bestimmtes Organisationsverständnis, auf dem ein Unternehmenskulturmodell aufbaut. Von den oben genannten Bereichen, die für das Phänomen innere Kündigung relevant sind, werden diese beiden in der vorliegenden
Arbeit näher beleuchtet.

Betrachtung von Individuum und Organisation

Die Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der getrennten Betrachtung von Individuum und Organisation und damit auch von Führung und Unternehmenskultur.
Zunächst wird die Bedeutung von Sinn für die Arbeitswelt diskutiert, und der Begriff Sinn näher erläutert. Anschließend wird die Bedeutung von Sinn für das Individuum (anhand der Logotherapie) und die Bedeutung von Sinn für die Organisation (anhand der St. Galler Managementlehre) dargestellt und bewertet. Am Schluß steht die vergleichende Betrachtung der beiden Konzepte mittels ausgewählter Kriterien. Diese Kriterien sollen im Verlauf der Arbeit entwickelt werden und werden jeweils am Ende der einzelnen Kapitel aufgezählt.

Ziel der Arbeit ist es, aufzuzeigen, daß Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat und welches Verständnis die beiden Ansätze von dem Wort `Sinn' haben. Wenn es in den Kapiteln 3 und 4 um die Darstellung der beiden Konzepte geht, soll überprüft werden, ob sie durch Einbeziehung des Faktors `Sinn' geeignet sind, dem Phänomen `innere Kündigung' zu begegnen. Im weiteren soll untersucht werden, inwiefern die theoretische Trennung der Betrachtungsebenen Individuum und Organisation aufgehoben werden kann, so daß die beiden Ansätze nebeneinander Verwendung finden können.
Dazu muß geklärt werden, in welchem Verhältnis die beiden zueinander stehen. Abschließend wird versucht, anhand der Logotherapie ein neues Modell in Bezug auf die Organisation zu skizzieren.

© 2009 | Kontakt | Download | Impressum | Datenschutz - W3C XHTML 1.0